Als nach dem Ende ihrer Wanderung germanische Völker den Raum östlich von Elbe und Saale verlassen hatten, rückten ab dem Jahr 600 nach Christus slawische Stämme auf friedliche Weise von Osten her in das größtenteils entvölkerte Gebiet zwischen Ostsee und Erzgebirge vor. Als erstes schriftliches Zeugnis für ihre Anwesenheit im Blickfeld der Franken gilt der 631 in einer Chronik genannte Sorbenfürst Derwan. Seitdem lebten im Gebiet zwischen Saale und Neiße slawische Stämme in den siedlungsgünstigen Offenlandschaften um Leipzig, Altenburg, Lommatzsch, Dresden, Batzen und im Spreewald.
Dabei tritt der Name Sorben zunächst nur im Westen auf, während in den späteren Lausitzen die Lusitzer und die Milzener saßen. Es ist nicht bekannt, wann und aus welchem Gründen die Bezeichnung Sorben auf die beiden Stämme übergeganben ist.
Die sorbischen Stämme lebten im 7. bis 9. Jahrhundert in einer altertümlichen Gesellschaftsordnung, die von der Großfamilie und einer Art militärischer Demokratie geprägt war, während ein herrschaftliches Gefüge noch kaum bestand.
In diesem Zustand konnten sie dem militärischen Druck des westlich angrenzenden deutschen Reichs keinen Widerstand entgegensetzen, von wo aus der deutsche König Heinrich I. im Jahr 929 einen Heereszug in das heutige Sachsen unternahm, die Reichsburg Meißen gründete und das Land unter deutsche Herrschaft stellte. Mit der Gründung des Bistums Meißen 968 begann die Christianisierung der Sorben, die in das deutsche Kirchenwesen einbezogen wuren. Somit war ihnen der Weg zu einer sorbischen Kirchenorganisation verbaut, sie konnten nicht wie dei benachbarten Tschechen und Polen zu einer eigenen Nationalentwicklung gelangen. Herrschaftlich und kulturell gerieten sie in den Zusammenhang des deutschen Reichs, während sie in Sprache, Brauchtum und Lebensweise ihre Eigenständigkeit behaupten konnten.
Das änderte sich in der zweiten Welle der hochmittelalterlichen deutschen Ostbewegung, die im Zuge der Kolonisation einige hunderttausend deutsche Bauern in das Land östlich der Saale brachte, wo Wälder gerodet und Dörfer und Städte angelegt wurden. Längere Zeit lebten die Sorben in ihren alten Siedelgebieten und die Deutschen in den neuerschlossenen Räumen in vielfacher Berührung. Dabei kam es zu einer allmählichen Verschmelzung, in deren Verlauf die Sorben in den westlichen Gebietsteilen bis etwa zum Ende des Mittelalters in der größeren Zahl der Deutschen aufgingen. Nur in den beiden Lausitzen konnten sie ihre Stammeseigenart bewahren.
Der Grund für diese bemerkenswerte Tatsache war sicher ihre zahlenmäßige Überlegenheit gegenüber den Deutschen in diesem Raum. Es gibt Anzeichen dafür, dass Einwohner der deutschen Kolonistendörfer in der Oberlausitz im sorbischen Volkstum aufgegangen sind. Auch die eigenartige Landesverfassung der Markgraftümer Nieder- und Oberlausitz kann hier angeführt werden. Es fehlte eine straff zentralisierte Landesverwaltung wie im meißnisch-sächsischen Territorialstaat.
Das innere gefüge der bieden Lausitzen als Ständerepubliken ohne Landesherren im Lande selbst hat offenbar die Erhaltung der sorbischen Eigenart begünstigt, zumal den adligen und klösterlichen Grundherrschaften im Mittelalter nicht an einer Eindeutschung der sorbischen Bevölkerung gelgen war.
Für die Festigung des sorbischen Volkstums war die Reformation von hoher Bedeutung, weil sie statt des mittelalterlichen Kultgottesdienstes die Predigt und den Gemeindegesang in den Vordergrund stellte und damit die Volkssprache aufwertete. Jetzt erst wurde die sorbische Sprache auch geschrieben, wodurch das sorbische Volk eine Schriftsprache als Ausdruck seines ethnischen Bewußtseins erhielt. In Gestalt der sorbischen Pfarrer und Lehrer entstand aus dem reinen Bauernvolk heruas eine Schicht gebildeter Menschen, die zu Trägern einer sorbischen Identität wurden und eine sorbische Literatur schufen.
Von den rund 200 Pfarrkirchen der Oberlausitz blieben 13 auch nach der Reformation bei der katholischen Konfession, wobei fünf im sorbischen Gebiet lagen. Dieser katholische Bevölkerungsteil hat in der doppelten Abgrenzung gegenüber den deutschen und evangelischen Nachbarn sein sorbisches Volkstum besonders treu bewahrt.
Aus der Sicht sorbischer Intellektueller erwuchsen im frühen 19. Jahrhundert die Kräfte, die zum Erwachen des sorbischen Volksbewußtseins entscheidend beitrugen. Sorbische Bücher, Zeitschriften, Vereine und Gelehrte sorgten für die Pflege der Sprache, Volkstum und Geschichte der Sorben oder Wenden, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts noch in einem weitgehend geschlossenen Siedlungsgebiet der Nieder- und Oberlausitz lebten. Volksschulunterricht und der Gottesdienst in ihrer Muttersprache sorgten für die Bewahrung der Nationalität, obwohl es zwischen den toleranteren Verhältnissen in Sachsen und dem stärkeren Germaniserungsdruck in Preußen deutliche Unterschiede gab.
Da die Sorben ein Volk von Bauern waren und demzufolge vorwiegend in Dörfern wohnten, nahmen sie kaum am industriellen Aufschwung teil. Die Bevölkerungszahl in ihrem Heimatgebiet konnte sich kaum vermehren, die überschüssige Bevölkerung wanderte in Industrieregionen und Städte ab, wo sie in kurzer Zeit dem eigenen Volk verlorenging. Auch beruflicher Aufstieg führte oft zur Anpassung an das deutsche Staatsvolk, so dass das sorbische Siedelgebiet Mitte des 18. Jahrhunderts zu schrumpfen begann. Die Zweisprachigkeit wurde schon aus wirtschaftlichen Gründen zur Notwendigkeit. Diese elementare Entwicklung wurde während der Hitlerdiktatur durch eine bewußte Politik zur Beseitigung der sorbischen Eigenständigkeit verstärkt, deren terroristische Maßnahmen sich besonders gegen Pfarrer und Lehrer, das sorbische Vereinswesen und die sorbische Presse richtete.
In der DDR wurden Anordnungen zur Bewahrung des sorbisches Volkes erlassen, die sich auf Bildungswesen und Kultur konzentrierten und etwa in der Zweisprachigkeit von Orts- und Straßenschildern sichtbar ausdrückten.
Die sorbischen Organisationen wurden jedoch dem SED-System gleichgeschaltet, die auf bäuerlichen Grundlagen gewachsene Eigenständigkeit einem ihr wesensfremden proletarischen Klassenbewußtsein untergeordnet. Die intensive Industrialisierung der Lausitzen brachte einen Zustrom deutschsprachiger Bevölkerung mit sich, wodurch die Sorben in ihrem alten Heimatland weithin zur Minderheit wurden.
In der Bundesrepublik Deutschland kommt es darauf an, das sorbische Volk in der Nieder- und Oberlausitz bei der Entfaltung seiner Eigenständigkeit in Sprache, Volkstum und Nationalbewußtsein zu unterstützen und den Stolz auf vielhundertjährige Tradition wachzuhalten. Dazu gehört die weitere Erforschung der Geschichte, der volkskundlichen Eigenart und der sprachlichen Verhältnisse. An die deutsche Bevölkerung richtet sich die Aufforderung, die Sorben in ihrem Recht auf nationale Entfaltung zu achten und zu fördern und die Tatsache zu bedenken, dass sie einige Jahrhunderte vor den Deutschen ins Land gekommen sind, dass sie einen eigenwertigen Beitrag zur Entwicklung von Siedlung, Wirtschaft und Kultur im Osten Deutschlands geleistet haben und dass die Lausitz ihre angestammte Heimat ist.